In der Flaute
- Holbach News

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Vergleicht man die deutsche Wirtschaft mit einem Schiff, so befindet sich dieses nicht im Sturm

Die deutsche Wirtschaft wächst nicht mehr:
2025 war das deutsche reale BIP exakt auf dem Niveau des Jahres 2019, des letzten Jahres vor der Corona-Krise. Im laufenden Jahr 2026 ist trotz der gewaltigen zusätzlichen Staatsverschuldung allenfalls ein Miniwachstum von 1 Prozent zu erwarten.
Schlimmer noch hat es die Industrieproduktion erwischt, sie lag 2025 um 7 Prozent unter dem Niveau des Jahres 2019. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten in der Industrie sank sogar um knapp 10 Prozent.
Auch der deutsche Export-Motor stottert. 2025 lagen die realen deutschen Exporte um zirka 5 Prozent unter dem Niveau des Jahres 2019. 2019 waren noch knapp 8 Prozent der weltweiten Exporte aus Deutschland gekommen, 2025 waren es nur noch 6,5 Prozent.
Die deutsche Position auf den Weltmärkten erodiert. Besonders stark sind die Verschiebungen gegenüber China: Die Exporte dorthin sinken und betrugen 2025 noch rund 80 Milliarden Euro, die Importe aus China steigen dagegen rapide, sie lagen 2025 bei 170 Milliarden Euro.
Das eigentliche Wachstumsproblem Deutschlands ist aber nicht die ausländische Nachfrage. Deutschland hat nach wie vor einen riesigen Leistungsbilanzüberschuss, der jährlich bei rund 200 Milliarden Euro liegt. Dieses Geld fliesst mangels inländischer Verwendung ins Ausland, während bei uns Fabriken schliessen und Autobahnbrücken verrotten. Kurzum: Es mangelt in Deutschland nicht an Geld, es mangelt an rentablen Einsatzmöglichkeiten. Vielleicht fehlt es aber auch am Mut der Investoren: Deutsche Start-up-Unternehmen müssen sich regelmässig im Ausland finanzieren, weil es in Deutschland unter den Wohlhabenden an ausreichend mutigen Investoren fehlt.
Die anhaltenden Leistungsbilanzüberschüsse begleiten die deutsche Volkswirtschaft seit siebzig Jahren. Sie zeigen ein strukturelles Nachfrageproblem. Nur im ersten Jahrzehnt nach
der Wiedervereinigung verschwanden sie dank des ungeheuren ostdeutschen Kapitalbedarfs für einige Zeit. Umfang und Dauer der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse zeigen zwar ein anhaltendes Nachfrageproblem, im Gegensatz zur Meinung vieler Keynesianer ist das aber nicht das eigentliche Wachstumsproblem in Deutschland.
Die hauptsächlichen Wachstumshemmnisse liegen in Deutschland vielmehr auf der Angebotsseite. Zwei Probleme haben sich über Jahrzehnte aufgebaut. Das eine ist die Demografie: Die Babyboomer gehen in Rente, und die Jahrgänge der nachwachsenden Generation sind nur etwa halb so gross, zudem wesentlich diverser und teilweise kognitiv weniger gut qualifiziert. Das Arbeitsangebot geht also quantitativ und qualitativ zurück. Das andere ist die Arbeitsproduktivität. Ihr Wachstum geht seit Jahren zurück, gegenwärtig stagniert sie. Wo die Menge der Arbeitsstunden sinkt und der Output je Arbeitsstunde stagniert, kann logischerweise kein nachhaltiges Wachstum entstehen.
1966/67, in der ersten Wirtschaftskrise der westdeutschen Nachkriegszeit, legte der neu ins Amt gekommene Wirtschaftsminister Karl Schiller ein überschaubares Konjunkturprogramm auf, das kurzfristig zündete. In der Folge wuchs die Wirtschaft 1968 und 1969 um jeweils 7 beziehungsweise 8 Prozent. Das war möglich, weil die Wirtschaft entsprechende ungenutzte Kapazitäten auf der Angebotsseite hatte.
Dieses Beispiel spukt vielen Politikern immer noch in den Köpfen herum. Es passt aber nicht auf die Situation der Gegenwart: Die beispiellosen Verschuldungsimpulse der 2025 neugewählten Bundesregierung bewirken im laufenden Jahr ein anämisches Wirtschaftswachstum von allenfalls 1 Prozent, und dieses Miniwachstum wird mit rasant steigenden künftigen Zinsausgaben viel zu teuer erkauft.
Niemand hat ein Rezept, wie man schnell einige Millionen hochqualifizierte, kulturell integrierte Erwerbspersonen herbeischaffen kann. Und niemand weiss wirklich, wie man die seit Jahrzehnten sinkende und seit einigen Jahren stagnierende Arbeitsproduktivität wieder auf jährliche Wachstumsraten von 2 bis 3 Prozent bringen kann.
Vergleicht man die deutsche Wirtschaft mit einem Schiff, so befindet sich dieses nicht im Sturm. Der Kapitän Friedrich Merz und sein Steuermann Lars Klingbeil können sich nicht bewähren, indem sie die Segel reffen und das Steuerrad fest in den Händen halten. Sie befinden sich vielmehr mit ihrem Schiff in einer Dauerflaute. Sosehr sie auch ihre Backen auf
blasen und kräftig pusten, die Segel blähen sich nicht, und das Schiff gerät nicht in Fahrt. Auf die Dauer kann das gegenüber der Mannschaft zu einem Autoritätsproblem werden.


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