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Politische Börsen haben kurze Beine

Der Börsenspezialist und Wirtschaftsexperte Jens Korte verfolgt seit über zwei Jahrzehnten die Geschehnisse an den internationalen Finanzmärkten. Er rät trotz geopolitischer Spannungen und konjunktureller Risiken zu Gelassenheit und sieht längerfristige Risiken eher im Umgang mit den Folgen des Klimawandels.


Herr Korte, Sie sind seit über 25 Jahren an der Wall Street tätig und haben von der Dotcom-Blase bis zur Finanzkrise und den Boomjahren alle jüngeren Epochen hautnah miterlebt. Wo stehen die internationalen Börsen heute in dieser Zeitreihe?

Hoch, höher, am höchsten! Aber im Ernst: Jede Phase hat ihre Eigenheiten. Für mich war bisher die Finanzkrise 2008 am massivsten. Damals erlebten die USA die schwerste Wirtschaftskrise seit der Grossen Depression. Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Märkte derzeit etwas phantasielos sind. Damit meine ich, dass den Investoren die Phantasie fehlt, sich auch mal über einen längeren Zeitraum fallende Aktienkurse vorzustellen.


Die Börsen zeigen sich trotz geopolitischer Spannungen und konjunktureller Risiken erstaunlich robust - ein Ausdruck wirtschaftlicher Stärke oder kollektiver Verdrängung?


Ich habe das seit Ende der 1990er-Jahre oft erlebt. Der alte Spruch, dass politische Börsen kurze Beine haben, bewahrheitet sich immer wieder. Selbst nach den Terroranschlägen 2001, die ich in New York vor Ort erfahren habe, hatte sich die Wall Street relativ schnell wieder erholt. Wenn die momentanen Konflikte einen längeren Schaden für die westlichen Volkswirtschaften bedeuten sollten, dann könnte sich das ändern. Aber ansonsten wird die Geopolitik von den Aktienmärkten vermutlich erneut weitestgehend ignoriert.


Die Geldpolitik der Notenbanken bleibt ein dominierender Faktor für die Märkte. Wie abhängig sind die aktuellen Bewertungen noch von der Zinspolitik?


"Never fight the Fed!" Geldpolitik spielt noch eine grosse Rolle. Allerdings ist es schon interessant, wie stark der Dollar vergangenes Jahr unter Druck stand, obwohl die Zinsen in den USA viel höher sind als in Europa. Eine der grossen Fragen lautet aktuell, was passiert mit der US-Geldpolitik, wenn die Amtszeit von Notenbankchef Jerome Powell Mitte Mai endet. Angesichts der momentanen Lage, etwa mit den gestiegenen Öl- und Gaspreisen, dürfte es dieses Jahr vermutlich keine starken Zinssenkungen in den USA geben.


Technologie- und KI-Werte treiben einen grossen Teil der Marktentwicklung. Erleben wir eine nachhaltige Transformation - oder eine neue Übertreibungsphase?


Beides! Wenn ich an die Zeit der Dotcom-Blase zurückdenke, sehe ich schon einige Parallelen. Es gab damals viele Bewertungen, die völlig überzogen waren. Allerdings hat die Phase auch Weltkonzerne wie Amazon oder Google hervorgebracht. Das dürfte bei KI ähnlich sein. Wobei ich nicht denke, dass das Ausmass bei KI so dramatisch ausfallen wird wie damals beim Platzen der Blase zur Jahrtausendwende.


Europa wirkt im Vergleich zu den USA oft weniger dynamisch. Was machen die Amerikaner aus Investorensicht strukturell besser?


Es hat etwas mit der Mentalität zu tun. Die Amerikaner geben gerne Geld aus, vor allem auch Geld, das sie nicht haben. Es werden etwa in Startups ganz andere Beträge investiert als in Europa. Dieser dynamische Kapitalmarkt macht die USA zur stärksten Volkswirtschaft der Welt. Zuindest noch für den Moment.


Geopolitik ist längst ein Börsenfaktor geworden. Welche globalen Risiken werden Ihrer Meinung nach aktuell unterschätzt?


Ich denke, der Klimawandel wird unterschätzt. Da rollen gewaltige Kosten auf die Wirtschaft zu. Schon jetzt gibt es kaum noch private Versicherungsangebote in Bundesstaaten wie Florida oder Kalifornien. Ich halte in diesem Zusammenhang auch den ungebremsten Stromausbau in den USA für die KI-Industrie für problematisch.


Privatanleger sind wieder deutlich aktiver als noch vor einigen Jahren. Wie stark beeinflussen Stimmungen und Narrative heute die Marktbewegungen?


Wenn ich vor allem mit jungen Investorinnen und Investoren rede, höre ich immer wieder, dass sie Sorge haben, sich nicht mehr auf die Altersversorgung verlassen zu können. Deshalb versuchen immer mehr, zumindest einen Teil der Absicherung in die eigene Hand zu nehmen. Dabei spielt eine gute Story aber in der Tat eine gewisse Rolle.


Wenn Sie ein Szenario für die nächsten 12 bis 18 Monate skizzieren müssten: Wo sehen Sie die grössten Chancen - und wo die grössten Gefahren für Anleger?


Sagen wir mal bis zu den Midterm Elections Anfang November könnten fiskalpolitische Faktoren wie Steuersenkungen oder womöglich sogar Schecks für US-Bürger für Impulse sorgen. In Europa könnten Investitionen in die Infrastruktur ebenfalls helfen. Wobei schon so häufig grosse Massnahmen angekündigt wurden, und letztlich ist nicht so viel passiert. Gegenwind könnte u.a. durch die gewaltige Verschuldung ausgelöst werden.


Vermögensverwalter und Private-Banking-Kunden in Liechtenstein und der Schweiz sind traditionell stark international - und häufig mit einem hohen US-Anteil positioniert. Ist diese starke Abhängigkeit strategisch noch gerechtfertigt oder mittelfristig ein Risiko?


Ein Risiko ist natürlich der Wechselkurs. In den vergangenen drei Jahren war es vor allem auch der KI-Hype, der ausländische Investoren angelockt hat. Jetzt werden Investoren selektiver, wenn es um KI geht. Das könnte der Wall Street etwas Schwung nehmen. Aber bei bestimmten Themen wie KI, High Tech oder auch Biotech führt fast kein Weg an den USA vorbei. Und Amerika hat nach wie vor einen gewaltigen Konsummarkt. Quelle: finance forum liechtenstein im Interview mit Jens Korte, Börsenspezialist und Wirtschaftsexperte



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