Konkurrenz der Ungerechtigkeiten
- Holbach News

- 17. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Man beachte bitte die Gebote der praktischen Vernunft.

Das Streben nach einer Gesellschaft, in der allen Menschen Gerechtigkeit widerfährt, ist edel, und es kann auf das Gemüt entlastend wirken. Darum hat der Marxismus heute so begeisterte Anhänger – trotz seines vielfältigen Scheiterns an der Wirklichkeit. Beginnen wir mit einer anschaulichen Ungerechtigkeit, die kürzlich durch die Medien ging: Gemäss «Global Wealth Report» der Boston Consulting Group besitzen 5000 Superreiche mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland, 700 000 Multimillionäre und die genannten Superreichen besitzen zusammen rund 53 Prozent des Finanzvermögens. Der grösste Teil der Deutschen hat dagegen kein nennenswertes Vermögen. Historisch gesehen, ist jedwedes Vermögen vergangenes Einkommen, das erspart, also nicht konsumiert wurde, oder es ist ererbt. Aber ist das nicht ungerecht? Der eine hatte das Glück wohlhabender Eltern und wird so ein glücklicher Erbe. Der andere ist bei der Lotterie leer ausgegangen und muss sich sein Vermögen selbst erarbeiten.
Das kann man so sehen. Aber andere Ungerechtigkeiten der Lebenslotterie sind noch viel schwerwiegender: Schönheit, Intelligenz, seelische Robustheit und Tatkraft sind grossenteils erblich. Auch unsere Eltern konnten wir uns nicht aussuchen, ebenso wenig wie das Land und die Zeit, in der wir geboren wurden. Natürlich kann ein moderner Staat eingreifen, um die Ungerechtigkeit der individuellen Ausgangslage abzumildern. Aber wenn er dabei übertreibt, schafft er neue Ungerechtigkeiten, die möglicherweise noch viel schlimmer sind als die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen.
Ausserdem gibt es nicht nur eine Gerechtigkeit gegenüber den Besitzlosen, sondern auch eine gegenüber den Besitzenden: 10 Prozent der Einkommensteuerzahler erbringen 55 Prozent des Aufkommens, die untere Hälfte der Einkommensteuerpflichtigen trägt dagegen nur 6,5 Prozent zum Aufkommen bei. Zur Gerechtigkeit gegenüber den Besitzenden gehört: Wer sein versteuertes Einkommen spart oder investiert, statt es zu konsumieren, sollte es nach seinem Belieben verwenden können, dazu gehört auch die Freiheit, es zu vererben oder zu verschenken, ohne dass der Staat erneut zulangt. Zahlreiche Erben oder Beschenkte sorgen schon durch ihr eigenes Konsumverhalten oder durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen dafür, dass sich Vermögen nicht unbegrenzt weiterkonzentriert. Wo aber vorausschauende Familien ihre Vermögen über Generationen zusammenhalten, ist dies
auch gesellschaftlich nicht schädlich, sondern eher ein Kitt für die Gesellschaft insgesamt.
Beim politisch verträglichen Ausmass der Umverteilung gibt es zwar keinen objektiven Gerechtigkeitsmassstab, aber es gibt Gebote der praktischen Vernunft. Das Gemeinwesen muss auch funktionieren, und in diesem Punkt hat die Umverteilung in Deutschland das Land und seine Wirtschaft bereits an Grenzen geführt:
Die Belastung der Arbeitnehmereinkommen mit Steuern und Sozialabgaben liegt in Deutschland europaweit neben Belgien an der Spitze. Wer zum Beispiel als Arzt oder Krankenschwester in Zürich statt in Konstanz arbeitet, verdient nicht nur brutto besser, es bleibt auch deutlich mehr netto vom Brutto.
Auch die Unternehmensteuerbelastung in Deutschland ist im internationalen Vergleich an den oberen Rand gewandert. Wer in Deutschland produziert, hat nicht nur höhere Arbeitskosten, er hat auch eine höhere Belastung des Unternehmensgewinns. Folgerichtig sinkt der Zustrom von ausländischen Investitionen, und die industrielle Produktion wandert aus Deutschland ab.
Viele wollen der ungleichen Vermögensverteilung mit höheren Erbschaftsteuern oder einer Vermögensteuer zu Leibe rücken. Dem können die Superreichen oder auch der wohlhabende Mittelstand leicht begegnen, indem sie Deutschland verlassen, und viele tun das bereits seit Jahrzehnten. Ob das dem Wirtschaftswachstum in Deutschland und den breiten Arbeitnehmerschichten nützt? Das Gegenteil ist wohl der Fall. Es ist unwahrscheinlich, dass damit die Vermögensverteilung gleicher wird, aber ziemlich sicher, dass sich damit die Stagnation in Deutschland weiter verfestigt und damit indirekt auch der Massenwohlstand gefährdet wird. Der Staat sollte sich darauf konzentrieren, durch ein leistungsorientiertes Bildungssystem den Tüchtigen aus allen Schichten in jeder Generation neue Chancen zu eröffnen. Tut er dies mit Erfolg, dann kann er die Verteilung der Vermögen getrost dem Spiel der freien Kräfte überlassen. Quelle: Weltwoche Nr. 23.26, Thilo Sarrazin



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