Lawrows Warnung: Kurzer Krieg mit Europa
Russlands Außenminister Sergej Lawrow warnt vor einem Krieg mit Europa, der völlig anders als im Fall der Ukraine verlaufen und sehr kurz sein werde. Zugleich verschärft sich die Rhetorik auf beiden Seiten. Wie groß ist die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der NATO?

Die Worte lassen aufhorchen. Sollte Europa Russland angreifen, werde der daraus entstehende Krieg völlig anders verlaufen und sehr kurz sein. Mit dieser Warnung hat der russische Außenminister Sergej Lawrow die europäischen Regierungen nicht nur unmissverständlich auf die Gefahren einer weiteren militärischen Eskalation hingewiesen, sondern auch auf den Einsatz von Massenvernichtungswaffen. An sich bliebe Russland durch die starke konventionelle Bindung an den Ukrainekrieg keine andere Option als die nukleare. Der Westen spekuliert natürlich darauf, dass die NATO innerhalb von Minuten bis Stunden atomare Vergeltungsschläge gegen Russland initiieren würde, die eine totale Vernichtung zur Folge hätten, weshalb die russischen Warnungen keine wirkliche Bedrohung darstellten.
In einem ausführlichen Interview zur internationalen Lage, das der Journalist Thomas Röper auf seinem Portal AntiSpiegel vollständig ins Deutsche übersetzt hat, betonte Lawrow ohnehin, Russland beabsichtige keinen Angriff auf Europa. Er kritisierte hingegen die zunehmende Militarisierung der europäischen Staaten und deren Vorbereitungen auf einen möglichen Krieg mit Russland. Seine Warnung formulierte er ausdrücklich für den Fall eines europäischen Angriffs. Welche militärischen Mittel Russland dabei einsetzen würde, ließ er offen. Die Warnung erfolgte vor dem Hintergrund einer weiteren Verschärfung des Tons zwischen Moskau und europäischen Regierungen. Am 12. September hatte der polnische Außenminister Radosław Sikorski auf einer Konferenz in Kiew erklärt, die NATO könne Russland im Falle eines russischen Angriffs aufgrund ihrer militärischen Überlegenheit relativ schnell besiegen. Dabei sprach er von rund 6 Wochen und verwies insbesondere auf die Überlegenheit der westlichen Luftstreitkräfte. Aus Moskau folgten bald deutliche Worte in Reaktion auf Sikorskis Äußerungen. Der russische Präsidentenberater Nikolai Patruschew warnte Polen vor einem Kriegseintritt und erklärte, der polnische Staat könnte innerhalb weniger Tage aufhören zu existieren.
Damit stehen sich zwei unterschiedliche militärische Einschätzungen gegenüber: Während Sikorski auf die konventionelle Überlegenheit der NATO verweist, stellt Lawrow für den Fall eines europäischen Angriffs einen kurzen Krieg in Aussicht. Die gegenseitigen Warnungen verdeutlichen, wie weit sich die sicherheitspolitischen Positionen inzwischen voneinander entfernt haben.
Gegenseitige Vorwürfe
Besonders deutlich wurde die gegenwärtige Zuspitzung bereits Anfang September im Zusammenhang mit dem weit publizierten Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle vom 5. August. Die Bundesregierung machte Russland nach eigenen Untersuchungen ganz konkret für einen versuchten Anschlag verantwortlich, sprach von einem »hybriden Angriff« und kündigte unter anderem die Schließung des letzten russischen Generalkonsulats in Deutschland sowie des Russischen Hauses in Berlin an.
Moskau wies die Verantwortung von sich. Lawrow warf der Bundesregierung vielmehr vor, Russland ohne ausreichende Beweise zu beschuldigen. Seine Kritik bezog sich allerdings nicht allein auf den Drohnenvorfall. Auch die deutschen Strafmaßnahmen und die Ankündigung von Bundeskanzler Friedrich Merz, Deutschland wieder zur führenden Militärmacht Europas machen zu wollen, betrachtet er als Ausdruck einer zunehmend konfrontativen Politik. Lawrow sprach in diesem Zusammenhang vom Beginn eines tatsächlichen Krieges. Er warf Merz konkret vor, Russland faktisch den Krieg zu erklären. Die Bundesregierung gab sich hingegen defensiv und erklärte, Deutschland sei entschlossen, sein Territorium und seine Demokratie gegen weitere Angriffe zu verteidigen.
Hinzu kommt die Debatte über eine mögliche unmittelbare Beteiligung westlicher Streitkräfte am Krieg in der Ukraine. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob NATO-Staaten russische Drohnen über ukrainischem Territorium abschießen sollten, was aber einer direkten Kriegsbeteiligung gleichkäme. Thomas Röper verweist in diesem Zusammenhang auf eine bemerkenswerte Leserabstimmung des Spiegels, bei der sich 82 Prozent von 1709 Teilnehmern für einen solchen Einsatz aussprachen. Ein direkter Einsatz von NATO-Streitkräften gegen russische Flugkörper über der Ukraine würde die bisherige Form der westlichen Unterstützung klar verändern. Moskau wäre gezwungen, darauf zu reagieren.
Zwischen Abschreckung und Eskalation
Auf europäischer Seite wird die militärische Aufrüstung vor allem mit der Notwendigkeit begründet, weitere russische Angriffe zu verhindern. Moskau betrachtet die wachsenden militärischen Fähigkeiten der NATO und deren Unterstützung der Ukraine als eindeutige Bedrohung. Das dürfte nachvollziehbar sein. Lawrow kritisiert insbesondere die europäischen Planungen, die Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen und die militärische Unterstützung Kiews fortzusetzen.
Die gegenwärtigen Warnungen Lawrows vor einem direkten Krieg zwischen Russland und der NATO sind dabei nicht allein eine Frage der militärischen Stärke. Sie betreffen ebenso die Gefahr von Fehlentscheidungen, Missverständnissen und einer Eskalation, die sich der politischen Kontrolle entziehen könnte. Lawrow selbst verwies in seinem Interview auf die Möglichkeit eines unvorhergesehenen Ereignisses, das eine größere militärische Auseinandersetzung auslösen könnte. Als historisches Beispiel nannte er das Attentat von Sarajewo, das 1914 zum Auslöser des Ersten Weltkrieges wurde. Im Kontext brachte er auch die Möglichkeit einer inszenierten Provokation ins Gespräch.
Ein direkter Krieg zwischen Russland und der NATO wäre selbstverständlich mit anderen Risiken verbunden als die bisherigen militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine.
Lawrows Warnung macht deutlich, wie weit sich Europa und Russland inzwischen voneinander entfernt haben. Ob aus der gegenwärtigen Konfrontation ein direkter militärischer Konflikt entsteht, ist offen. Die Herausforderung besteht jetzt darin, die bestehenden Gegensätze auszutragen, ohne dass aus gegenseitiger Abschreckung ein noch viel gewaltigerer Krieg wird. Traurig genug, dass ein solches Szenario heute wieder absolut im Bereich des Möglichen liegt, auch wenn die meisten westlichen Beobachter die aktuellen Warnungen aus Russland als Säbelrasseln und übliche Einschüchterungspraxis ohne Realitätsgehalt einstufen. (Quelle Kopp exklusiv, Autor: Andreas von Rétyi)




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