Klein, aber prosperierend: Ein Lob auf die Mikrostaaten
- Holbach News

- 2. Mai
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Der Trend hin zur Größe ist bei den Staaten unverkennbar. Nicht small, sondern big scheint beautiful zu sein. Nationen schließen sich entweder zu Bundesstaaten wie der EU zusammen oder aber zu fragilen Staatenbündnissen, von denen BRICS+ nur das aktuellste Beispiel darstellt. Seit dem Jahr 2000 wuchs die Europäische Union um 13 Mitgliedstaaten; aktuell stehen weitere 10 Beitrittskandidaten auf der »Warteliste« – von Albanien bis zur Ukraine. »Ist der Kleinstaat überhaupt noch aktuell?«, fragte schon der renommierte österreichische Publizist Gerd-Klaus Kaltenbrunner (1939–2011) in dem von ihm herausgegebenen Buch Lob des Kleinstaates. Und er fuhr fort: »Gehört nicht zur Signatur unseres Zeitalters das Streben nach immer größeren regionalen, internationalen und supranationalen Zusammenschlüssen [...]?«

Beeindruckende Leistungsbilanz
Wer eine Antwort auf diese Fragen sucht, der muss sich nur die imponierende Leistungsbilanz vor allem der europäischen Kleinstaaten vor Augen führen. Doch zunächst gilt es, die sogenannten Mikrostaaten von den Kleinstaaten zu separieren, was im Einzelfall gar nicht so einfach ist. Der Pyrenäenstaat Andorra zum Beispiel gilt als Mikrostaat, obgleich er deutlich größer ist als die Mittelmeerrepublik Malta, die gemeinhin als Kleinstaat bezeichnet wird. Dennoch rechnen wir den Archipel zwischen Italien und Afrika wegen seiner geringen Größe und Einwohnerzahl (316 Quadratkilometer beziehungsweise 560 000 Menschen) zu den Mikrostaaten. Eine weitere Abgrenzung zwischen Mikrostaaten und Kleinstaaten ist die Frage, inwieweit diese in einem symbiotischen Verhältnis zu ihren Nachbarstaaten stehen. Im Fall von Liechtenstein (Schweiz), Andorra (Frankreich und Spanien), Monaco (Frankreich) und San Marino (Italien) ist das zweifellos der Fall. Malta hingegen ist selbstständiges Mitglied der EU. Klassische europäische Kleinstaaten sind zum Beispiel Luxemburg, aber auch Island, Belgien und Estland.
Unbekanntes Fürstentum
Nimmt man die europäischen Mikrostaa ten unter die Lupe, so fällt eines sofort auf: Sie alle glänzen mit einer prosperierenden Wirtschaft und einem Wachstum, von dem die größeren Nachbarn vielfach nur träumen können. Ein Paradebeispiel hierfür ist das Fürstentum Liechtenstein. Zwischen der Schweiz und dem österreichischen Bundesland Vorarlberg gelegen, erschien der Zwergstaat vielen oberflächlichen Beobachtern von außen lange Zeit nur als Refugium für mehr oder minder krumme Finanzgeschäfte. Dass indessen die Industrie des Landes den größten Teil zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, versetzt manchen immer wieder in Erstaunen; ebenso die Tatsache, dass Hilti als Weltmarktführer in der Befestigungstechnik sein Headquarter in Liechtenstein hat. Und die Zeiten, als in Vaduz krumme Finanzgeschäfte abgewickelt wurden, sind ebenfalls lange vorbei. Heute profitiert das Fürstentum von der Reputation seiner Finanzdienstleister, deren Know-how nicht zuletzt von reichen Familien und Stiftungen weltweit gefragt ist. Der Zwergstaat Liechtenstein gilt als eines der reichsten Länder der Welt.
Monaco: Luxus und Glamour
Zweites Beispiel: Monaco, der nach dem Vatikan zweitkleinste Mikrostaat in Europa, wo Luxus und Glamour zu Hause sind. Das spiegelt sich natürlich auch in der Wirtschaftsstruktur wider. Der tertiäre Sektor der Ökonomie des Liliput-Staates wird durch Tourismus und Luxus dominiert. Eine führende Rolle spielte dabei das weltbekannte Casino de Monte-Carlo, für das die Spielbank in Bad Homburg Pate stand.
Wichtige Einnahmequellen sind überdies Events wie der Monaco Grand Prix sowie Schifffahrt und Yachting. Zum Dienstleistungssektor zählen, wie in den meisten Mikrostaaten, Finanzdienstleister wie Banken, Vermögensverwalter und Investmentfonds, die von niedrigen Steuern und politischer Stabilität begünstigt werden.
Trotzdem trägt auch der Bereich Industrie und Produktion mit deutlich über 10 Prozent zum BIP Monacos bei. Dazu gehört zum Beispiel der Kosmetik-Hersteller Asepta, dessen Geschichte übrigens eng mit dem Casino de Monte-Carlo verbunden ist. Demnach wandten sich Ende der 1930er-Jahre Croupiers des Casinos an einen monegassischen Apotheker. Sie fragten nach einer Creme gegen schmerzende Füße, ausgelöst durch stundenlanges Stehen in
den Spielsälen. Henri Mas und sein Schulfreund Paul Lacroix sahen darin eine interessante Geschäftsidee. Freilich erwies sich Monaco als viel zu klein für einen nachhaltigen Erfolg. Erst nach und nach konnten sie Apotheker an der französischen Côte d’Azur und später auch in Paris überzeugen, die neue schmerzstillende Salbe auf Basis der Schafgarbe ins Sortiment zu nehmen. Anfang der 1950er-Jahre entwickelten die Laboratoires Asepta, wie sie mittlerweile hießen, ein Handpflegemittel, später kam noch ein Produkt zur Gesichtspflege hinzu. Heute gilt das Unternehmen im Bereich Fuß- und Nagelpflege als Marktführer in französischen Apotheken.
Tatsächlich gehört auch der Zwergstaat Monaco zu den reichsten Ländern der Erde. Mit einem nominellen BIP von rund 256 600 US-Dollar pro Kopf liegt dieser Wert etwa 360 Prozent über dem entsprechenden Wert Deutschlands. Allerdings wohnen in Monaco auf kleinstem Staatsgebiet weit überdurchschnittlich viele Multimillionäre. Die Immobilienpreise sind extrem hoch, was die Statistik zusätzlich verzerrt. Aussagekräftiger ist das kaufkraftbereinigte BIP. Aber auch in dieser Hinsicht liegt das BIP Monacos schätzungsweise 2,5 Mal höher als das deutsche.
Auch das winzige San Marino (gerade einmal 52 Quadratkilometer groß), von Italien umgeben, kann mit einem Superlativ aufwarten. Es gilt als die älteste Republik Europas. Zwar kann San Marino in puncto Wohlstand nicht mit den Mikrostaaten Liechtenstein und Monaco mithalten, aber auch dieser »Zwerg« weist eine prosperierende und gut diversifizierte Wirtschaftsstruktur auf. An erster Stelle stehen der Tourismus und der damit verbundene Einzelhandel. Früher war der Finanzsektor wegen des Bankgeheimnisses sehr wichtig. Seit die dortigen Banken aber – ähnlich wie in Liechtenstein oder Andorra – strenger reguliert werden, spielt diese Branche zwar weiterhin eine wichtige, aber keine dominierende Rolle mehr. Die Industrie des Landes produziert unter anderem Baustoffe. Möbel, Textilien und Elektronik-Komponenten. Insgesamt übertrifft das BIP des kleinen Landes das des Nachbarlandes Italien. Was den Wohlstand anbelangt, so ist San Marino mit den reichen Regionen im Norden Italiens vergleichbar.
Einkaufsparadies Andorra
Mit 468 Quadratkilometern Fläche und rund 78 000 Einwohnern ist der Pyrenäenstaat Andorra der größte unter den europäischen Mikrostaaten. Wegen seines wasserdichten Bankgeheimnisses und seiner diskreten Banken galt der »Zwerg« in den Bergen früher als Steuerparadies. Auf Druck der OECD, der USA und der EU musste das Land Anfang der 2010er-Jahre dieses Bankgeheimnis Stück für Stück aufweichen. Die Nachbarstaaten Frankreich und Spanien, vor allem aber die EU, hatten dabei ein höchst effizientes Druckmittel in den Händen: den Euro. Als diese europäische Gemeinschaftswährung eingeführt wurde, folgten die Mikrostaaten San Marino, Monaco und der Vatikan schnell nach (Liechtenstein nicht, denn dort gilt bekanntlich der Schweizer Franken). Auch Andorra wollte ursprünglich schon ab 1. Januar 2009 eigene Euromünzen prägen. Doch weil die Regierung in Andorra la Vella noch nicht alle Geldwäsche-Richtlinien der EU umgesetzt hatte, verzögerte sich die lang ersehnte Währungsvereinbarung um mehrere Jahre. Erst Anfang Dezember 2013 begann die Prägung andorranischer Euromünzen. Seither ist der Stellenwert der Finanzwirtschaft in diesem Mikrostaat längst nicht mehr so groß wie noch vor 20 Jahren. Zuvor hatte Andorra nämlich Abkommen zum automatischen Informationsaustausch gegen Geldwäsche und Steuerflucht unterschrieben. Von einem »Steuerparadies« kann nun keine Rede mehr sein.
Wegen der Topografie Andorras ist auch die Ansiedlung von größeren Industrie oder Agrarbetrieben schwierig bis unmöglich. Deshalb basiert die Wirtschaft des Landes vor allem auf dem starken (Einkaufs-)Tourismus und den Skigebieten im Winter sowie dem günstigen Einzelhandel. Gefragt sind vor allem Elektronik, Parfüm, Alkohol und Luxusware. Der mittlerweile stark regulierte Finanzsektor konzentriert sich auf Vermögensverwaltung und internationale Dienstleistungen. Auch wenn die Wirtschaft des Staates wenig diversifiziert ist, so gelten die Andorraner doch als wohlhabend. Das BIP ist im internationalen Vergleich recht hoch und die Steuerlast eher gering. So bleibt viel Netto vom Brutto.
Malta: Tourismus und Industrie
Wer mit dem Flugzeug im südlichen Mittelmeer unterwegs ist und den Archipel Malta überquert, ist fasziniert von diesem Anblick aus der Vogelperspektive. Wie verlorene Träume liegen sie da – im türkisblauen Mittelmeer: die Hauptinsel Malta, das zweitgrößte Eiland Gozo und die kleine Insel Comino ziemlich genau dazwischen. Die sechs unbewohnten Inseln sind aus der Höhe mit dem bloßen Auge kaum auszumachen. Mit jährlich über 4 Millionen Besuchern ist der Kleinstaat einer der tourismusintensivsten Staaten in Europa.
Der Tourismus gehört denn auch zu den wichtigsten wirtschaftlichen Pfeilern des kleinsten EU-Staates, der auf der Landkarte wie ein Flugzeugträger zwischen Italien und Afrika erscheint. Obwohl auch Malta schon lange nicht mehr als klassisches Steuerparadies und eine der ersten Adressen für diskrete Anleger gilt, spielt die Finanzindustrie doch nach wie vor eine wichtige Rolle in der Wirtschaft der Inselrepublik. Zahlreiche Banken, Versicherungen, FinTechs und Investmentfonds haben dort ihren Sitz. Die EU-Mitgliedschaft kommt dem kleinen Staat in diesem Zusammenhang ebenso zugute wie das englischsprachige Umfeld. Immerhin war Malta bis 1964 eine englische Kolonie und ist dem Vereinigten Königreich bis heute eng verbunden, obgleich man bisweilen den Eindruck gewinnen kann, dass die freundschaftlichen Beziehungen zu Italien – Sizilien ist nur 90 Kilometer entfernt – ausgeprägter sind. Die Malteser sprechen Maltesisch, eine Sprache mit arabischen und italienischen Einflüssen, und natürlich Englisch als Hauptsprache.
Filmindustrie schätzt die Insel
Malta gilt darüber hinaus als eines der führenden Zentren für Online-Gaming, überdies spielt die verarbeitende Industrie eine nicht zu unterschätzende Rolle (Elektronik, Medizintechnik, Leichtindustrie, Luftfahrtteile usw.) sowie die maritime Wirtschaft (Schiffsregistrierungen, Wartung, Reparatur, Yachtservice usw.). Kaum bekannt: Die internationale Filmindustrie schätzt Malta wegen seiner historischen Kulissen als Drehort. In der Inselhauptstadt Valletta wurden zum Beispiel einzelne Szenen für den Da Vinci Code gedreht, ferner für den Film Popeye und mehrere Szenen für die erste Staffel von Game of Thrones. Im Jahr 2025 hat die maltesische Nationalbank aus Anlass von 100 Jahren Filmproduktion auf der Insel eine Münze in höchster Prägequalität sowohl in Silber als auch in Gold emittiert.
Dank ihrer breiten Diversifizierung ist die maltesische Wirtschaft heute recht robust. Sie wächst mit etwa 4 Prozent pro Jahr; davon können andere EU-Staaten nur träumen. Das BIP pro Kopf und Jahr liegt bei knapp 41000 Euro und damit über dem EU-Durchschnitt.
Eine weitere Besonderheit: Als einziger Mikrostaat verfügt Malta über einen eigenen internationalen Flughafen bei Luqa in der Nähe von Valletta. Auch der Kleinstaat Luxemburg hat bekanntlich einen eigenen Flughafen, doch ist das Großherzogtum mit einer Fläche von rund 2600 Quadratkilometern deutlich größer als Malta mit 316 Quadratkilometern.
Zwerginseln in Ozeanien
Sieht man von dem Kleinstaat Katar, der nicht einmal so groß ist wie das Bundesland Schleswig-Holstein, aber immerhin über rund 1,5 Prozent der weltweiten Ölreserven verfügt, sowie dem Stadtstaat Singapur (734 Quadratkilometer) einmal ab, so fällt auf, dass die meisten prosperierenden Mikrostaaten in Europa zu finden sind.
Zu den kleinsten Ländern der Welt gehören Nauru (21 Quadratkilometer und knapp 11 000 Einwohner) sowie Tuvalu (26 Quadratkilometer und 12000 Einwohner), beide in Ozeanien. Dank Phosphatabbau war Nauru früher sehr reich, heute ist der kleinste Inselstaat der Welt auf australische Hilfe und Offshore-Finanz- und Verwaltungsdienste angewiesen. Auch Tuvalu bezieht Zuwendungen aus Australien und Neuseeland, hat aber überdies Einnahmen durch die weltweite Vermarktung der Internet-Domain »tv«.
All diese Mikrostaaten, selbst die Kleinsten unter den Kleinen, weisen den »Mut zur Kleinheit« auf, von dem der frühere österreichische Bundespräsident Rudolf Kirchschläger einst sprach. Mag sein, dass dies aber auch nur eine Reaktion auf die »Gefahr der Größe« ist, vor der bereits 1962 der Verwaltungswissenschaftler und Nationalökonom Leopold Kohr warnte.



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