Die schöne und das Biest
- Holbach News

- vor 17 Stunden
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Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
bei diesem Biest darf man sich nie sicher sein. Es zu bändigen ist eine Mammutaufgabe. Selbst, wenn es sich mal zurückzieht - dass es wirklich aufgibt, davon sollte man besser nicht ausgehen. Es kann immer wieder zurückschlagen. Dieses Biest hat einen Namen, es heißt: Inflation.
Und sie kämpft mit und gegen dieses Biest, die Präsidentin der EZB. Christine Lagarde ist bei diesem Kampf nicht allein, aber sie steht an vorderster Front. Und damit wieder einmal im Scheinwerferlicht. Im Publikum sitzen die Marktteilnehmer und fiebern mit.

Je weiter vorne man sitzt, desto näher ist man am Geschehen dran. Und damit Zeitzeuge eines Klassikers. Eines Dauerbrenners. Dieses Stück hat es in sich. Und es ist an fast jedem Börsentag ausverkauft.
Die Zuschauer sind dabei selbst Beteiligte. Jeder ist abhängig vom weiteren Verlauf dieses Dramas. Die Frage, die sich jeder stellt, egal, ob auf den hinteren Plätzen oder auf den besonders teuren Business Seats, lautet: Gelingt es Lagarde, das Biest dieses Mal schneller zu zähmen als vor vier Jahren oder nicht.
Wir erinnern uns: Damals schlug das Biest massiv zu. Fast, wie aus dem Nichts. Es war nicht nur ein Preisanstieg, es war ein Schock. Ein Inflationsschock. Ein Preisschub, der die Inflationsrate im Euroraum sogar auf über zehn Prozent anspringen und das Publikum den Atem anhalten ließ.
Der Präsidentin warfen damals viele aus diesem Publikum vor, zu spät auf den Angriff des Biestes reagiert zu haben. Die EZB schlug erst mit der Zinskeule zu, als die Inflation bereits die 8-Prozent-Marke touchierte. Und nun? Kann sich dieses Drama etwa wiederholen?
Auch vier Jahre später sind es erneut die Energiepreise, die das Biest antreiben. Sie wirken wie ein Energiebooster auf das Biest und seine Dynamik. Unterschätzen sollte man dies nie. Dabei frisst sich das Biest durch alle Nahrungs- und Lieferketten. Von Öl und Gas über Dünger und viele weitere Nahrungsmittelpreise. Eine komplette Unterbrechung von Lieferketten, wie vor vier Jahren geschehen, ist aber – Stand heute – nicht zu erwarten. Somit dürften gerade die Nahrungsmittelpreise wohl nicht so stark steigen wie nach dem Angriffskrieg auf die Ukraine.
Mehr als die Hälfte aller Industrieunternehmen klagte bereits vor Ausbruch des Ukraine-Krieges über Engpässe und einen Mangel an Vorprodukten. Dies war damals immer noch die Folge der verschiedenen Lockdowns, vor allem in China. Eine Lage die sich, trotz aller Unsicherheiten, heute natürlich ganz anders zeigt.
Und trotzdem muss die Präsidentin auf alles gefasst sein. Nicht wieder will sie sich vorhalten lassen, womöglich zu spät reagiert zu haben. Zu spät auf den Angriff des Biestes. Bereits jetzt ist wichtige Infrastruktur im Nahen Osten zerstört worden. Der Wiederaufbau wird lange dauern. All das wird nicht ohne mittelfristige Folgen für die Preise bleiben.
Das genaue Drehbuch dieses Dramas ist trotzdem noch völlig offen. Auch ein Klassiker kann nämlich wieder neu interpretiert werden. Auch wenn die Hauptrollen immer gleich besetzt sind, so kann der Ablauf der Geschichte immer wieder Nuancen aufweisen. Kleinere, aber durchaus auch mal größere. Mit neuen Wendungen inklusive.
Lagarde will auf alles Mögliche vorbereitet sein und hat daher auch schon verschiedene Szenarien durchspielen lassen. Keiner weiß genau, wie sich das Biest in der nächsten Zeit bewegen wird, was es genau vorhat. Hat man sich aber bereits mit bestimmten Stoßrichtungen und ihren Folgen auseinandergesetzt, dann kann dies nur von Vorteil sein. Vor allem dann, wenn sich das Publikum schon eine Meinung gebildet hat.
An den Terminmärkten ist es fast ausgemachte Sache, dass die EZB ihre Leitzinsen bereits im Juni erhöht. Zwei weitere, so die aktuellen Wetten, könnten dann im weiteren Jahresverlauf noch folgen. Das Bild hat sich durch den Irankrieg fast um 180-Grad gedreht, hatten doch zu Jahresbeginn die Zeichen tendenziell noch auf Zinssenkungen gestanden.
Aber wird die EZB eine erneute Zinswende wirklich so konsequent durchziehen? Die Tauben im Rat sind immer noch klar in der Mehrheit und fürchten nicht nur das Biest, sondern vor allem auch einen erneuten Konjunktureinbruch. In der Kombination heißt dieses Ungetüm dann Stagflation. Und da ist auch noch die Politik. Die sitzt auch im Publikum – und zwar auf den besseren Plätzen. Um die immer höheren Staatsschulden einfacher tragen zu können, wünschen sich viele Finanzminister im Euroraum eher niedrigere Zinsen. Dies dürfte den Rat der EZB nicht unbeeindruckt lassen, sitzen in ihm doch etliche ehemalige Finanz- und Wirtschaftsminister, die das politische Empfinden auch geldpolitisch nachempfinden können.
Zurück zum Drehbuch und den möglichen Szenarien. Besondere Zeiten erfordern auch eine besondere Kreativität. So ein Drehbuch lebt. Die Drehbuchautoren sind in diesem Fall die Volkswirte der Europäischen Zentralbank. Um die neuen Projektionen der EZB möglichst akkurat auf den neuerlichen Energiepreisschock abzustimmen, wurden sicherlich etliche Überstunden eingelegt.
Das Ergebnis ist ein komplett neues Kapitel im weiteren Jahresausblick. Schon jetzt rechnet die EZB mit einem Anstieg der Inflationsrate auf durchschnittlich 2,6 Prozent in diesem Jahr. Eine Korrektur um immerhin 0,7 Prozentpunkte zur letzten Projektion. Und auch die Schätzung für die Kerninflation fällt mit 2,3 Prozent höher aus als im Dezember. Auch die EZB-Volkswirte gehen also davon aus, dass das Biest gekommen ist, um länger zu bleiben.
Und sie haben sich auch mit zwei weiteren Szenarien auseinandergesetzt – nach dem Motto: was wäre, wenn? In diesen beiden weiteren Szenarien geht die EZB davon aus, dass die Energiepreise nochmals steigen und auch länger hoch bleiben würden. In dem einen Negativ-Szenario würde die Inflation im dritten Quartal sogar auf über vier Prozent steigen, bevor sie dann im Jahr 2027 wieder fällt und dann in der zweiten Jahreshälfte 2027 wieder unter zwei Prozent liegt.
Im weiteren, noch negativeren Szenario würde die Inflation bereits in den kommenden Monaten über die Marke von vier Prozent steigen und in der Spitze dann sogar wieder Niveaus von sechs Prozent erreichen. Diese Tops könnte die Inflation im Verlauf des ersten Quartals 2027 erreichen. Im weiteren Verlauf des kommenden Jahres käme es nur zu einem langsamen Absinken, wobei die Inflation bis Ende 2028 über der Zielmarke von zwei Prozent verharren würden.
Das alles ist selbstverständlich nur der berühmte Blick in die Glaskugel. Blickt man dort rein, auch im EZB-Tower, dann sieht man das Biest nur als verzerrte Fratze. Und auch wenn dieser Blick verstörend ist, er muss sein. Alles andere käme einer Realitätsverweigerung gleich.
Christine Lagarde weiß um das und hat das Biest daher besonders im Blick. Sie wird in diesem Jahr vermutlich schneller auf eine steigende Inflation reagieren als vor vier Jahren. Sollte das Biest in den kommenden Wochen weiter ansteigen und sogar die Marke von vier Prozent anpeilen, dann ist sogar schon für die nächste Sitzung im April mit einem Zinsschritt zu rechnen. Die Spannung steigt auf jeden Fall und das Publikum hält erneut den Atem an. Quelle: Euro Finance Weekly, Andreas Scholz



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