Aufs Korn genommen...

Auch Erwachsene brauchen Märchen. Nicht die Märchen, die uns durch unsere Kindheit begleiteten, sondern solche Geschichten, die uns helfen, unsere bisweilen dunklen Tage mit dem Licht der Zuversicht zu überstehen. Nicht nur jetzt, wenn die Nächte länger werden. Wir hören ihnen gern zu, den Märchenerzählern, wollen glauben, was sie berichten, was sie uns versprechen. Märchen können der Zuckerguss über der harten Realität sein.
Deshalb erzählen uns Politiker so gern Märchen. Sie wissen, dass viele ihrer Wähler nicht an die Wahrheit glauben, sondern an das, was sie für die Wahrheit halten. Die Realität verschwindet hinter der Fassade der Selbsttäuschung. Die Suggestion siegt über die Evidenz. Das wunderbare Märchen Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen zeigt uns, wie dieser Mechanismus funktioniert.
Der amtierende Bundeskanzler wird manchmal mit einer Pinocchio-Nase karikiert. Viel versprochen, wenig gehalten. Das ist unfair, denn erstens ist Friedrich Merz weder ein großer Poet noch ein talentierter Märchenerzähler. Deshalb fällt es in der Regel schnell auf, wenn er wieder einmal Märchen erzählt. Und zweitens bedient sich so gut wie jeder Politiker der klassischen Textbausteine aus der Märchenwerkstatt. »Wir senken Steuern und verbessern alle staatlichen Leistungen«, »Nach der nächsten Wahl wird alles besser«. »Die Probleme sind in wenigen Monaten gelöst«, »Wir schaffen Arbeitsplätze«, »Wir bauen Bürokratie ab« usw. Wer hört sie nicht gern, diese Märchen?
Eine besonders talentierte Märchener-
zählerin hat in den vergangenen Wochen zahlreiche Bürger der Bundeshauptstadt nachgerade hypnotisiert. Die linke Fee Elif versprach alles, was viele Bürger der Stadt hören wollten. Sie kreist noch über dem Roten Rathaus von Berlin; ob es am Ende eine Punktlandung wird oder ob sie doch noch eine Bruchlandung hinlegt, bleibt abzuwarten. Die Fee Elif, mit bürgerlichem Namen Elif Eralp, will unbedingt Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden, um die dort lebenden Menschen zu beglücken. Vor allem mit »bezahlbarem« Wohnraum. Dass bislang selbst der begnadetste Märchenerzähler noch nicht zu definieren vermochte, was unter »bezahlbar« zu verstehen ist, interessiert die gute Fee nicht. Eine Berliner Wohnung, komplett saniert, in bester Lage, 150 Quadratmeter für 500 Euro warm, da würde den Menschen so richtig warm ums Herz. Aber leider gibt es so etwas eben nur in Märchen.
Die Rollen in Elifs Aufführung sind klar verteilt. Auf der einen Seite die Guten, die bei den letzten Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus die Linke, zumindest aber SPD oder die Grünen gewählt haben und/oder über einen »Migrationshintergrund« verfügen – vor allem sie sollen angeblich mit preiswertem Wohnraum verwöhnt werden.
Die anderen, in erster Linie die Wohnkonzerne, das sind die Bösen. Sie werden von der strengen Elif bestraft – mit Enteignungen, Kontrollen und anderen Maßnahmen. Nun muss aber sogar eine gute Fee bei einer Verstaatlichung auch entschädigen. Und das kostet Geld, viel Geld. Geld, das Berlin nicht hat. Macht doch nichts. Im Märchen von den Sterntalern ging die Rechnung doch auch irgendwie auf. Man muss eben nur ein Gutmensch sein – und das sind die Linken ja alle – und schon fallen die Taler vom Himmel, die man zuvor anderen Menschen abgenommen hat. Die gute Fee und ihre Genossinnen und Genossen nennen das »Umverteilung«, ein Zauberwort.
Und mehr als jeder vierte Berliner Wähler jubelte der Fee in Jeans und Sneakern zu. Fast 26 Prozent erhielt die begnadete Märchenerzählerin. Wahrscheinlich auch, weil keine andere Fee Märchen so gut auf Türkisch erzählen kann.




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