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Warum bezahlen China und Indien hohe Aufschläge für russisches Öl?

vor 4 Stunden
2 Min. Lesezeit

Besonders aufschlussreich ist das Verhalten Chinas und Indiens, die zusammen rund 87 % der russischen Rohölexporte abnehmen. Ihre Bereitschaft, hohe Preise für Urals zu zahlen, könnte darauf hindeuten, dass Raffinerien ihre Versorgung zunehmend absichern wollen. Für Indien ist günstiges und zuverlässig verfügbares Rohöl besonders wichtig, weil es daraus nicht nur Kraftstoffe für den heimischen Markt, sondern auch exportfähigen Diesel und Benzin produziert. Solange die Margen bei raffinierten Produkten hoch genug sind, kann es wirtschaftlich durchaus sinnvoll sein, für Rohöl einen Aufschlag zu akzeptieren, um die Raffinerien auszulasten.


Damit rückt neben der Förderung die Transportlogistik in den Mittelpunkt. Steigende Frachtraten, längere Routen und knappe Tankerkapazitäten können dazu führen, dass ein nominell ausreichendes Ölangebot regional allerdings nicht verfügbar ist. Russlands verstärkte Nutzung der Arktisroute könnte unter bestimmten Bedingungen Transportzeit und Kosten reduzieren. Gleichzeitig verändern geopolitische Risiken und die Bedeutung russischer Schattenflotten die Verfügbarkeit von Schiffen und die Preisbildung. Die Urals-Prämie dürfte meines Erachtens daher nicht nur den Wettbewerb um Rohöl, sondern auch die Belastung der globalen Lieferketten widerspiegeln.


Für Energieanleger entsteht daraus ein interessantes Szenario: Sollte sich die erwartete Angebotsausweitung der Energieagenturen als zu optimistisch erweisen, könnten die Ölpreise stärker steigen, als es der Terminmarkt derzeit nahelegt. Produzenten mit niedrigen Förderkosten, soliden Bilanzen und freien Kapazitäten wären potenzielle Gewinner. Bei integrierten Energiekonzernen hängt der Effekt zusätzlich von Raffineriemargen, Gasgeschäft und Absicherungsgeschäften ab.


Fazit: Tankerunternehmen profitieren. Noch direkter könnte eine Verknappung der Transportkapazitäten Tankerunternehmen zugutekommen. Müssen Raffinerien ihre Versorgung über längere Strecken sichern, werden mehr Schiffe gebunden und die Nachfrage nach verfügbarer Tonnage steigt. Das erhöht die Frachtraten und damit die Ertragskraft der Reedereien.


Die hohe Urals-Prämie ist alleine noch kein Beweis für eine unmittelbar bevorstehende globale Ölknappheit, aber ein Signal, das Anleger ernst nehmen sollten. Sollten die Fördermengen hinter den Erwartungen zurückbleiben und die verfügbaren Lagerbestände weiter sinken, könnten Energieproduzenten von höheren Verkaufspreisen profitieren, während vor allem Tankerreedereien zusätzlich Rückenwind durch knappe Transportkapazitäten und steigende Frachtraten erhalten. Energie- und Tankeraktien bieten damit zwei unterschiedliche, potenziell ergänzende Möglichkeiten, auf eine Neubewertung des Ölmarktes zu setzen. Entscheidend bleiben die Entwicklung der Lagerbestände, die tatsächliche Fördermenge, die Urals-WTI-Differenz und die Tankerfrachtraten. (Autoren: Rainer Heißmann/M. Kraus), Quelle: Heißmanns Börsenkommentar.

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