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Millionen Fernseher belauschen heimlich ihre Besitzer – beliebte TV-Marke fällt besonders auf

22. Sept.
4 Min. Lesezeit

LG-Fernseher sollen heimlich mithören – selbst im Stand-by. Was Forscher jetzt herausgefunden haben, ist happig.


Dortmund – IT-Sicherheitsforscher haben jetzt ein Ausmaß an Datensammlung offengelegt, das selbst technikaffine Nutzer aufhorchen lässt. Das US-Portal Gamers Nexus hat gemeinsam mit Wendell von Level1Techs und mehreren unabhängigen Sicherheitsforschern monatelang LG-Smart-TVs durchleuchtet – mit beunruhigenden Ergebnissen.



LG-Fernseher spionieren Besitzer aus – alle Vorwürfe im Überblick


Die wichtigsten Funde der Untersuchung im Überblick:


  • Sprachfunktion speichert Mitschriften und hört länger mit als nötig

  • Der Fernseher durchsucht das komplette Heimnetzwerk

  • Daten fließen selbst ohne jede Zustimmung an LG – auch unabhängig bestätigt

  • Die Werbeplattform „Alphonso“ wertet jeden Klick aus

  • Dark-Pattern-Tricks erschweren ein echtes Opt-out

  • Fremde können den Fernseher als Datenschleuse nutzen

  • Eine Sicherheitslücke macht den TV zur Wanze

  • Endlos lange AGB verschleiern die Datensammlung



Sprachbefehle werden auf LG-Fernsehern gespeichert


Die Tester fanden heraus, dass die Sprachbefehle eines LG-Fernsehers als Klartext-Mitschrift auf dem Gerät landen. Nach einem erkannten Befehl bleibt das Mikrofon dem Bericht zufolge noch rund zehn bis 15 Sekunden aktiv, wenn weiter gesprochen wird – in einem Test nahm der Fernseher Stimmen so noch aus gut 20 Metern Entfernung klar verständlich auf.


Ein im Menü deaktivierter Mikrofonschalter schaltete zudem nur das eingebaute Mikrofon ab: Andere Audioquellen wie eine angeschlossene USB-Webcam blieben laut den Testern weiter nutzbar.


LG-Fernseher durchsuchen das Heimnetz nach anderen Geräten – bis zu 38 wurden entdeckt


Der Fernseher durchforstet zudem eigenständig das Heimnetz und listet fremde Geräte auf. In einem Test fand er laut Bericht 38 weitere Geräte, von Smartphones über Smartwatches bis zur Heizungssteuerung.


Selbst als reiner Bildschirm per HDMI und ganz ohne akzeptierte Nutzungsbedingungen funkte ein Testgerät binnen einer Stunde knapp neun Megabyte an LG-Server, hochgerechnet rund 6,4 Gigabyte im Monat.


Ähnliches will laut einem Bericht der New York Times auch das Center for Digital Democracy bei LG- und Samsung-Fernsehern gemessen haben: Die automatische Inhaltserkennung lief demnach teils weiter, auch wenn der Fernseher offiziell vom Internet getrennt war.


Wer über LGs integrierte TV-Kanäle wie CNN oder Fox schaut, hinterlässt der Untersuchung zufolge zusätzlich Spuren im Netzwerkverkehr: Weil die Abfragen zur Sender-Erkennung unverschlüsselt laufen, ließe sich demnach für jeden im selben WLAN oder beim Internetanbieter mitlesen, welches Programm gerade läuft.


Werbeplattform „Alphonso“ steckt hinter Datensammlung auf LG Fernsehern


Verantwortlich für einen Großteil der Datensammlung ist der Untersuchung zufolge „Alphonso“, eine Werbeplattform, an der sich LG 2021 mehrheitlich beteiligt hat und die inzwischen als LG Ads firmiert. Sie erfasst unter anderem Werbe-ID, MAC-Adresse, Signalstärke, grobe Standortdaten wie Postleitzahlen, genutzte Apps sowie Ein- und Ausschaltzeiten des Fernsehers.


Technisch wandelt die automatische Inhaltserkennung (ACR) dafür alle paar Sekunden kurze Bild- und Tonschnipsel in einen digitalen Fingerabdruck um, der mit einer Datenbank abgeglichen wird. Es werden also keine durchgehenden Aufnahmen verschickt. Trotzdem kommen laut den Testern allein über ACR im Schnitt rund vier Gigabyte Daten pro Monat pro Gerät zusammen.


LG hatte 2022 erklärt, die ACR-Technologie funktioniere nach einem „Double-Opt-in“-Prinzip, Nutzer müssten also zweimal ausdrücklich zustimmen. Die Tester wollen bei ihren Geräten aber nur eine einzige Zustimmungsabfrage entdeckt haben. Beim Einrichten neuer Apps blendet der Fernseher zudem gleich sechs Nutzervereinbarungen auf einmal ein, wobei „Alle akzeptieren“ bereits vorausgewählt ist.


Nach Einschätzung der Tester ein klassisches Dark-Pattern-Design. Der Schalter „Meine Daten nicht verkaufen“ wiederum ist in den Menüs versteckt und bereits ab Werk deaktiviert, noch bevor ein Nutzer überhaupt eine Internetverbindung herstellt oder irgendeiner Bedingung zustimmt.


Auch ein Opt-out schützt nur bedingt: Beim Deaktivieren sendet der Fernseher noch einen letzten kompletten Datensatz an Alphonso und meldet sich danach weiterhin bei jedem Systemstart. Die dabei genutzte Geräte-ID soll zwar anonym sein, ist nach Einschätzung der Forscher wegen einer schwachen Verschlüsselung aber rückrechenbar – wer den passenden Schlüssel kennt, käme demnach wieder an die ursprüngliche MAC-Adresse und damit an die Identität des Geräts.


Fremde Anbieter erhalten durch zahlreiche LG-Apps Zugriff auf das Heimnetz


Brisant auch: Laut einer im Juni veröffentlichten Studie der Sicherheitsfirma Spur enthielten 1.213 von 2.851 getesteten Apps im LG-App-Store webOS – umgerechnet 43 Prozent – ein Software-Paket, das Fernseher unbemerkt in sogenannte Residential Proxys verwandeln kann. Fremde Anbieter könnten darüber ihren Internetverkehr über das Heimnetz von LG-Kunden umleiten, ohne dass die Besitzer davon etwas mitbekommen.


Spur selbst kommentierte den Befund deutlich: Eine einmalige, in einer App versteckte Zustimmung sei kein Ersatz für echte Transparenz und Kontrolle – das Risiko verschärfe sich noch, wenn diese Zustimmung von Haushaltsmitgliedern komme, die eigentlich gar nicht zustimmen dürften, etwa Minderjährigen. Andere Hersteller wie Amazon und Roku hätten solche Proxy-Funktionen in ihren App-Stores bereits verboten.


Vorwürfe gegen LG wegen Daten-Spionage: Was sagt das Unternehmen?


LG-Manager John Taylor reagierte gegenüber dem Fachportal Krebs on Security auf die Studie: „Ein Einsatz als Residential-Proxy-Netzwerk ist für LG-Smart-TVs nicht vorgesehen. LG Electronics arbeitet mit den Entwicklern zusammen, um diese Funktion aus ihren Apps zu entfernen. Geschieht das nicht, werden die betroffenen Apps gesperrt.“


Die Sicherheitsforscher kritisieren zudem eine weitere Schwachstelle im App-Store: Mit einem sogenannten Partner-Trust-Zugang lassen sich andere Smart-Home-Geräte im selben Netzwerk auflisten und steuern, etwa ein Netzwerkspeicher.


LG äußert sich zur Sammlung, Aufzeichnung und Speicherung von Daten – Tester haben Zweifel


Nachdem die Forscher zu Testzwecken selbst Root-Zugriff auf ein Testgerät verschafft hatten, zeigten sie, wozu ein kompromittierter Fernseher fähig ist: Er zeichnete demnach weiter Ton auf, selbst nachdem das Netzwerkkabel gezogen wurde, und übertrug die Aufnahme erst beim nächsten Onlinegang.


Nach eigenen Angaben fanden die Tester zudem eine Schwachstelle, über die sich Fernseher im selben WLAN auch ganz ohne Zutun des Besitzers unbemerkt aus der Ferne kapern lassen. Einige der Lücken befinden sich laut den Forschern noch im Prozess der verantwortungsvollen Offenlegung und wurden deshalb bewusst nicht im Detail veröffentlicht.


Zu früheren Vorwürfen rund um Umgebungsgespräche hatte LG bereits Stellung bezogen: „LG Electronics bestätigt erneut, dass LG-Fernseher keine Umgebungsgespräche sammeln, aufzeichnen oder speichern.“ Die Tester zweifeln daran, weil ihre eigenen Aufnahmen nach eigenen Angaben weit über jedes Sprachbefehl-Fenster hinausreichten.


Nutzungsbedingungen von LG lesen würde rund vier Stunden dauern


Wer die Nutzungsbedingungen wirklich lesen wollte, bräuchte laut Recherche rund vier Stunden: Allein die Smart-TV-AGB kommen demnach auf mehr als 18.500 Wörter, die Konto-Bedingungen auf weitere rund 12.400 Wörter. Dazu kommen die allgemeinen Nutzungsbedingungen und die Datenschutzerklärung für US-Kunden mit zusammen noch einmal rund 17.000 Wörtern – macht in Summe knapp 50.000 Wörter Kleingedrucktes.


Beim Einrichten eines einzelnen Test-Fernsehers mussten die Tester nach eigener Zählung 1.246 Mal durch sechs Nutzervereinbarungen und weitere 1.459 Mal durch vier Kontobedingungen klicken, bevor das Gerät einsatzbereit war.

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